Haiku schneiden – Kireji

Zufälligerweise und zum Glück bekam ich vor Kurzem Bashos Affenmäntelchengedichte in die Finger, 40 Haiku aus seiner wohl brilliantesten Phase. Was direkt auffiel, war eine sehr interessante Art, sie inhaltlich zu zerschneiden und neu zu kombinieren.

Der wahren Poesie
Uranfänge – das sind die Pflanzerlieder
Eurer Hinterlande

sei einfach einmal -bereits übersetzt- herausgenommen, weil hier so schön der Schnitt sichtbar wird. Da ich auf japanisch gerade einmal bis zehn zählen kann, und weiter nichts, habe ich auf das Original verzichtet – und erkläre lieber die Fragestellung und die damit verbundene Problematik, auf die ich während meiner Suche nach Bashos Strukturansatz gestoßen bin: Vor allem interessierte mich diese inhaltlich ‚geschnittene‘ Logik des o.g. Haiku, und was man denn nun von Basho für die eigenen Haiku lernen kann. Im Laufe der Nachforschungen stellte sich heraus, dass japanisch verfasste Haiku eigentlich nicht übersetzbar sind, weil es unter Anderem für die ‚Schneideworte‘ kein Äquivalent auf englisch oder deutsch gibt, und daher meist auf solche verzichtet wird. ‚Sehr unbefriedigend,‘ wie ich fand,’Es muss einen Weg geben, eine geschnittene Logik in die eigenen Schriftstücke einzubauen.‘ Und wenn das nicht ginge, so mein Ansatz, könnte man doch sich sicher die Eigenheiten des deutschen Haiku zu Nutze machen. Schließlich ist doch, wenn man japanische Haiku nicht übersetzen kann, der Interpretation zwangläufig Spielraum eingeräumt. Und um diesen Spielraum geht es in diesem Aufsatz.

HaikuDie Problematik der Übersetzung möchte ich noch kurz in einfachen Worten aufgreifen: Wenn wir Bashos berühmtes Frosch/Teich Haiku von 1686 zur Hand nehmen, fällt direkt die völlig andere Schreibweise auf. Mehrere vertikale Zeilen sind hier irreführenderweise erkennbar. Dass es an dieser Stelle drei sind, ist aber lediglich dem Format des Papiers geschuldet. Ein Haiku ist einzeilig zu verstehen, gemacht, um es zu rezitieren; es wird traditionell nur in der Kalligraphie auseinandergebrochen. Und inhaltlich durch ein Schneidewort in zwei Teile gegliedert. 

Die Art, japanische Schriftzeichen metrisch und rhytmisch zu erfassen, geschieht im Japanischen über das ‚Onji‘, was auf hierzulande der ‚More‘ entspricht. Dieses gezeigte Haiku ist nach fünf zu sieben zu fünf ‚Onji‘ von links nach rechts aufgebaut, welche meist in drei Zeilen mit 5-7-5 Silben ins deutsche interpretiert werden.
Nun ist aber ein ‚Onji‘ keine ‚Silbe‘: Das Wort ‚Onji‘ beispielsweise besteht aus zwei Silben, jedoch aus drei Onji, da doppelte Vokale auch als einzelne Onji gewertet werden. Es hat nach der japanischen Logik also drei Onji, aber im deutschen nur zwei Silben. Daher muss dem Übersetzer, der ein japanisch verfasstes Haiku ins deutsche holen will, erheblicher Interpretations- bzw. Transformationsspielraum eingeräumt werden, um den inhaltlichen Wesenszug transportieren zu können. Zum einen ist dies tragisch, da wir japanisch lernen müssen, um Basho wirklich zu verstehen, auf der anderen Seite eröffnet diese Erkenntnis uns einen Weg, deutschsprachige Haiku als eigenständige Gedichtform zu begreifen und deren innere Möglichkeiten zu ermitteln.

Aber da es hier um den Schnitt im Haiku geht, und wie man damit umgehen könnte, sei noch ein Wort über die berühmten und zu wenig gewürdigten ‚Schneideworte‘ gesagt.
Im japanischen gehört zu jedem Haiku ein Jahreszeitenwort und ein Schneidewort ‚Kireji‘. Während die Andeutung einer Jahreszeit für jeden relativ einfach zu interpretieren ist – natürlich vor dem eigenen kulturellen Hintergrund – gestaltet sich die Definition und Interpretation eines ‚Kireji‘ aus sprachlichen Gründen schwieriger:

‚Kireji‘ sind im Worte und Suffixe, die einen inhaltlichen Schnitt durch das betreffende Haiku legen. Durch ‚Schneideworte‘ werden beispielsweise zwei Zeilen von der dritten inhaltlich getrennt, um (vereinfacht gesprochen) eine gewisse inhaltliche Spannung zu erzeugen. Oder sie eröffnen, wenn sie am Ende des Gedichtes platziert werden, ein zirkulierendes Muster, das den Leser wieder an den Anfang des Gedichtes zurückführt. Natürlich gibt es in der deutschen Grammatik keine solchen Worte, und nach der landläufigen Meinung noch nicht einmal ein Äquivalent.
Da aber die strukturell unterstützende Funktion eines ‚Kireji‘ für ein gut funktionierendes Haiku unverzichtbar ist, bleibt dem geneigten Verfasser deutschsprachiger Haiku schlicht und ergreifend nichts anderes übrig, als nach einer deutschen Interpretation zu suchen.

Anbei sei kurz erklärt, welche Hinweise uns auf das Wesen von ‚Kireji‘ gegeben werden:

  • Schneideworte trennen Sätze oder Zusammenhänge voneinander. Im Haiku verwendet, teilen sie es in zwei logische Hälften und sorgen so paradoxerweise für einen neuen Zusammenhang innerhalb des Haiku.
  • Schneideworte werden meist am Ende einer Zeile verwendet, aber auch, wie bei Bashos ‚Pflanzerliedern‘ zu innerhalb einer Phrase.
  • Wenn sie am Schluss eines Haiku verwendet werden, beschließen sie es mit einem zirkulierenden Muster und einem erhöhten Gefühl der Abgeschlossenheit.
  • Schneideworte sind nicht unbedingt ganze Worte, sondern auch Wortteile.
  • Laut dem englischsprachigen Wikipedia-Artikel zu ‚Kireji‘ haben sich aus dem Renga 18 solcher ‚Schneideworte‘ entwickelt, von denen die sieben wichtigsten dort aufgeführt werden (übersetzt):
    -ka: Betonung; Am Ende eines Satzes; Frage
    -kana: Betonung; Normalerweise am Ende eines Gedichtes; Erstaunen
    -keri: Exklamatorisches verbales Suffix; Past Perfekt
    -ramu or -ran: Verbales Suffix; Wahrscheinlichkeit
    -shi: Adjektivisches Suffix; Ende eines Nebensatzes
    -tsu: Zeitlich-verbales Suffix; Perfekt
    -ya: Betont das vorangegangene Wort oder Worte. Wenn es das Gedicht in zwei Hälften teilt, impliziert es eine Gleichung, während es den Leser dazu einlädt das Verhältnis beider Teile zu endecken.

Die Frage, vor der man nun als deutschsprachiger Verfasser von Haiku steht, liegt auf der Hand: Wie bekomme ich einen logischen Schnitt in ein Haiku eingebaut, obwohl ich weder die japanische Sprache noch deren Schreibweise beherrsche? Wie interpretiere ich das ‚Kireji‘ und gibt es unter Umständen sogar Eigenheiten der deutschen Sprache, die anders als die japanischen Kireji funktionieren?

Nachtrag, ein paar Jahre später

Im amerikanischen Haiku beschäftigt man sich schon etwas länger mit den Schwierigkeiten, die Grundstruktur des Haiku in eine fremde Grammatik zu transportieren. In einschlägigen Artikeln japanisch-englisch sprechender Autoren findet sich der Hinweis, dass ein japanisches Haiku nicht dreizeilig geschrieben wird, sondern aus einer einzigen vertikalen Zeile besteht. Diese Zeile wird entweder nach 5, nach 12 (5+7) oder nach 17 (5+7+5) Moren durch das Schneidewort unterteilt, am häufigsten nach 5, und erzeugt so zwei inhaltliche Bereiche.
Die Struktur der 5-7 oder 5-7-5 Onji ist kulturell bedingt und wird auch für andere kurze Textstücke wie Slogans oder Überschriften verwendet. Sie ist angeblich so stark in der Sprache verankert, dass man sie auch dann heraushört, wenn sie zusammengefasst wird (5-12, 12-5, 17) oder gezielte Brüche (3-2-7-5) eingebaut werden. Die Position des Schneidewortes wirkt also unterstützend zur (ohnehin) erkennbaren Struktur – oder dem Rhythmus, wenn man so will.
Gelegentlich findet sich auch die Bemerkung, dass ein Haiku ausgesprochen werden will, was sich auch in seiner Rolle bei (spielerischen) Kettengedichten spiegelt. Da hierbei keine kalligraphischen Mittel wie Zeilenumbrüche zur Verfügung stehen und Punktierung nicht existiert, wird im Japanischen auf ein Schneidewort zurückgegriffen, um ein Haiku inhaltlich zu teilen




Kireji – Experimente – Teil 1

Natürlich ist mir bewusst, dass ich an dieser Stelle die geebneten Pfade des Haiku verlasse, um nach dem Schnitt zu suchen, der mir so wichtig erscheint. Aber noch möchte ich mich zunächst noch an die Hinweise halten, die mir gegeben werden, und die 7 wichtigsten ‚Kireji‘ anhand dieses simplen Inhalts mit mittlerem Schnitt ausprobieren:

Ich verlor
bei Regenwetter
den Autoschlüssel

ka: Betonung; Am Ende eines Satzes; Frage

Fragezeichen (?)

Ich verlor
den Autoschlüssel?
Regenwetter

Ja/Nein-Frage (+Fragezeichen)

Regenwetter?
Ich verlor
den Autoschlüssel

Frageworte (+Fragezeichen): (Wie, Wo, Was, Wer, Wem, Wessen, Wohin, Woher, Wozu, Warum, Mit wem, Woran, Wie lange…)

Ich verlor
den Autoschlüssel wo?
Regenwetter

kana: Betonung; Normalerweise am Ende eines Gedichtes; Erstaunen

Punktierung:

Ich verlor
den Autoschlüssel
im Regen!

Worte des Erstaunens (+Doppelpunkt): (Merkwürdig, fassungslos, perplex, sprachlos, überrascht, verwundert, überrumpelt, erstaunt, eigenartig, verblüfft, unerwartet …)

Den Autoschlüssel
verlor ich vor Erstaunen:
Regenwetter

keri: Exklamatorisches verbales Suffix; Vergangenheit

Vergangenheit:

Als ich den
Autoschlüssel verlor
Regenwetter

Plusquamperfekt:

Ich hatte den
Autoschlüssel verloren
Regenwetter

Vergangenheitsworte: (Früher, damals, heute, vorhin, gestern, Geschichte, Vorzeit …)

Ich verlor
den Autoschlüssel damals
Regenwetter

ramu oder -ran: Verbales Suffix; Wahrscheinlichkeit

Wahrscheinlichkeitsworte: (Wahrscheinlich, denkbar, mutmaßlich, vermutlich, vermeintlich, anscheinend, vielleicht, wohl, eventuell, angeblich, möglich)

Ich verlor
den Autoschlüssel vielleicht
im Regenwetter

Im Regenwetter
verlor ich vermutlich
den Autoschlüssel

shi: Adjektivisches Suffix; Ende eines Nebensatzes

Punktierung:

Ich verlor
den Autoschlüssel –
Regenwetter

tsu: Zeitlich-verbales Suffix; Perfekt

Perfekt:

Ich habe den
Autoschlüssel verloren
Regenwetter

Vergangenheitsworte:
geschehen, beendet, abgelaufen, fortgeschritten, zugetragen, eingetroffen, ereignet, abgespielt, hereingebrochen, fertig, vorüber, gerade, bereits

Ich habe bereits
den Autoschlüssel verloren
im Regenwetter

ya: Betont das vorangegangene Wort oder Worte. Wenn es das Gedicht in zwei Hälften teilt, impliziert es eine Gleichung, während es den Leser dazu einlädt das Verhältnis beider Teile zu endecken.

Punktierung: (Ausrufezeichen, Punkt.)

Regenwetter!
Ich verlor
den Autoschlüssel

Abtönungen: Ja, oh, eben, halt, so, welch, denn, doch, gar, ja, schon, sowieso, eh, eigentlich, ohnehin

Ich verlor
im Regenwetter nun mal
den Autoschlüssel

Ich verlor schon
den Autoschlüssel
im Regenwetter

 

Nicht alle dieser Experimente würde ich als geglückt bezeichnen. Wie sich jedoch herausstellt, unterstützen die meisten Schnittmarken (so will ich sie einmal nennen) Aussage und Struktur in der Tat, beeinflussen die Wortwahl und lassen den Nachhall merkwürdigerweise in der Bedeutung changieren. Obwohl ich gezielt einen einfachen und flachen Inhalt gewählt hatte.
Als zweites fiel mir vor allem beim Schreiben auf, dass einige Schnittmarken in unserer Sprache grammatikalisch betrachtet eher am Anfang der Zeile oder des Satzes stehen wollen.

 

Kireji – Schneideworte

Kireji (切れ字 lit. „Schneidewort“) ist die Bezeichnung für eine spezielle Kategorie von Worten, die in bestimmten Formen der japanischen Poesie verwendet werden. Im klassischen Haiku und Hokku wird es als Notwendigkeit angesehen, sowie im klassischen Renga und seinem Abkömmling Renku (Haikai no Renga). Im Deutschen existiert kein exaktes Äquivalent zum Kireji, daher ist seine Funktion schwierig zu umschreiben.

Ein Kireji bietet grundsätzlich eine strukturelle Unterstützung des Verses.
Wenn es ans Ende des Verses platziert wird, sorgt es für ein würdevolles Ende, das den Vers mit einem erhöhten Gefühl der Abgeschlossenheit beendet.
In der Mitte des Verses verwendet, unterbricht es kurz den Gedankenstrom um anzuzeigen, dass der Vers aus zwei (halb) unabhängigen Gedanken besteht.  In dieser Position indiziert es eine sowohl rhytmische als aus grammatikalische Pause und kann den folgenden Satz emotional einfärben.

Liste der häufigsten Kireji

Im klassischen Renga entwickelte sich eine Tradition von 18 Kireji, die im Haikai adaptiert und schließlich auch im Renku und Haiku verwendet wurden. Die häufigsten sind hier aufgeführt:

  • ka: Betonung; Am Ende eines Satzes; Frage
  • kana: Betonung; Normalerweise am Ende eines Gedichtes; Erstaunen
  • keri: Exklamatorisches verbales Suffix; ~Plusquamperfekt
  • ramu or –ran: Verbales Suffix; Wahrscheinlichkeit
  • shi: Adjektivisches Suffix; Ende eines Nebensatzes
  • tsu: Zeitlich-verbales Suffix; Perfekt
  • ya: Betont das vorangegangene Wort oder Worte. Wenn es das Gedicht in zwei Hälften teilt, impliziert es eine Gleichung, während es den Leser dazu einlädt das Verhältnis beider Teile zu endecken.

Die Verwendung von Kireji

Hokku und Haiku bestehen aus 17 japanischen Silben oder Onji (einer phonetischen Einheit, die identisch zur More ist), in drei metrischen Phrasen von 5, 7 und 5 Onji. Ein Kireji ist typischerweise am Ende einer dieser Phrasen positioniert. Wenn es am Ende der letzten Phrase (z.B. am Ende des Verses) platziert ist, nimmt das Kireji den Leser wieder mit zum Anfang des Gedichtes und initiiert dadurch ein zirkulierendes Muster. Eine große Anzahl von Hokku, darunter auch viele von Basho, enden entweder mit -keri (~Plusquamperfekt) oder dem Partikel -kana, welche beide ein zirkulierendes Muster verursachen. Wenn ein Kireji woanders im Vers positioniert wird, nimmt es die paradoxe Funktion des gleichzeitigen Schneidens und Verbindens an. Es schneidet das Gedcht nicht nur in zwei Hälften, es stellt auch eine gewisse Korrespondenz zwischen den beiden Bildern her, die es trennt. Dies kann bedeuten, dass die spätere Hälfte die poetische Essenz (本意 hon’i) der früheren darstellt und dass zwei Zentren gebildet werden, die oft implizit miteinander verglichen, auf gleiche Ebene oder in Kontrast zueinander gesetzt werden.

Eine der Aufgaben eines Hokku Autoren ist es, einen syntaktisch kompletten Vers zu komponieren, der alleine stehen kann. Da das Hokku als erster Vers eines Renku oder Renga die ‚Bühne‘ für das restliche Gedicht definiert, sollte nicht die Möglichkeit gegeben werden, seinen Inhalt mit den nächsten Zeilen zu modifizieren. Die konventionelle Methode, eine solche linguistische Integrität zu erreichen, ist das Einfügen eines Kireji.

Kireji in deutschen Haiku und Hokku

Kireji haben kein direktes Äquivalent im deutschen. In der Mitte des Verses werden sie eher als betont beschrieben, als dass geschriebene Punktuation verwendet wird. In deutschsprachigen Haiku und Hokku, sowie Übersetzungen aus dem japanischen können Kireji durch Punktierung (typischerweise durch Gedankenstriche oder Auslassungspunkte), ein ausrufendes (betonendes) Partikel (z.B. ‚wie…) oder einfach unmarkiert bleiben.