Kireji (切れ字 lit. „Schneidewort“) ist die Bezeichnung für eine spezielle Kategorie von Worten, die in bestimmten Formen der japanischen Poesie verwendet werden. Im klassischen Haiku und Hokku wird es als Notwendigkeit angesehen, sowie im klassischen Renga und seinem Abkömmling Renku (Haikai no Renga). Im Deutschen existiert kein exaktes Äquivalent zum Kireji, daher ist seine Funktion schwierig zu umschreiben.
Ein Kireji bietet grundsätzlich eine strukturelle Unterstützung des Verses.
Wenn es ans Ende des Verses platziert wird, sorgt es für ein würdevolles Ende, das den Vers mit einem erhöhten Gefühl der Abgeschlossenheit beendet.
In der Mitte des Verses verwendet, unterbricht es kurz den Gedankenstrom um anzuzeigen, dass der Vers aus zwei (halb) unabhängigen Gedanken besteht. In dieser Position indiziert es eine sowohl rhytmische als aus grammatikalische Pause und kann den folgenden Satz emotional einfärben.
Liste der häufigsten Kireji
Im klassischen Renga entwickelte sich eine Tradition von 18 Kireji, die im Haikai adaptiert und schließlich auch im Renku und Haiku verwendet wurden. Die häufigsten sind hier aufgeführt:
- ka: Betonung; Am Ende eines Satzes; Frage
- 哉 kana: Betonung; Normalerweise am Ende eines Gedichtes; Erstaunen
- –keri: Exklamatorisches verbales Suffix; ~Plusquamperfekt
- –ramu or –ran: Verbales Suffix; Wahrscheinlichkeit
- –shi: Adjektivisches Suffix; Ende eines Nebensatzes
- –tsu: Zeitlich-verbales Suffix; Perfekt
- や ya: Betont das vorangegangene Wort oder Worte. Wenn es das Gedicht in zwei Hälften teilt, impliziert es eine Gleichung, während es den Leser dazu einlädt das Verhältnis beider Teile zu endecken.
Die Verwendung von Kireji
Hokku und Haiku bestehen aus 17 japanischen Silben oder Onji (einer phonetischen Einheit, die identisch zur More ist), in drei metrischen Phrasen von 5, 7 und 5 Onji. Ein Kireji ist typischerweise am Ende einer dieser Phrasen positioniert. Wenn es am Ende der letzten Phrase (z.B. am Ende des Verses) platziert ist, nimmt das Kireji den Leser wieder mit zum Anfang des Gedichtes und initiiert dadurch ein zirkulierendes Muster. Eine große Anzahl von Hokku, darunter auch viele von Basho, enden entweder mit -keri (~Plusquamperfekt) oder dem Partikel -kana, welche beide ein zirkulierendes Muster verursachen. Wenn ein Kireji woanders im Vers positioniert wird, nimmt es die paradoxe Funktion des gleichzeitigen Schneidens und Verbindens an. Es schneidet das Gedcht nicht nur in zwei Hälften, es stellt auch eine gewisse Korrespondenz zwischen den beiden Bildern her, die es trennt. Dies kann bedeuten, dass die spätere Hälfte die poetische Essenz (本意 hon’i) der früheren darstellt und dass zwei Zentren gebildet werden, die oft implizit miteinander verglichen, auf gleiche Ebene oder in Kontrast zueinander gesetzt werden.
Eine der Aufgaben eines Hokku Autoren ist es, einen syntaktisch kompletten Vers zu komponieren, der alleine stehen kann. Da das Hokku als erster Vers eines Renku oder Renga die ‚Bühne‘ für das restliche Gedicht definiert, sollte nicht die Möglichkeit gegeben werden, seinen Inhalt mit den nächsten Zeilen zu modifizieren. Die konventionelle Methode, eine solche linguistische Integrität zu erreichen, ist das Einfügen eines Kireji.
Kireji in deutschen Haiku und Hokku
Kireji haben kein direktes Äquivalent im deutschen. In der Mitte des Verses werden sie eher als betont beschrieben, als dass geschriebene Punktuation verwendet wird. In deutschsprachigen Haiku und Hokku, sowie Übersetzungen aus dem japanischen können Kireji durch Punktierung (typischerweise durch Gedankenstriche oder Auslassungspunkte), ein ausrufendes (betonendes) Partikel (z.B. ‚wie…) oder einfach unmarkiert bleiben.
Sehr geehrter Herr Pjotr Bratzki –
vielen Dank für Ihren erhellenden Text zum Thema Kireji, den ich als Lyriker mit großem Interesse gelesen habe. Vielleicht können Sie mir auch noch zu einem anderem Thema des Haiku auf die Sprünge helfen.
Was kann/soll die 5-7-5-Moren-Struktur eigentlich im Japanischen bewirken?
Geht es nur um die Assymetrie: 3 Verse, 5-7-5 Moren zur Erzeugung von Dynamik beim Rezipieren, was ja auch mit anderen unsymmetrische Teilungen erreichbar wäre? Oder liegt in der 5-7-5-Moren-Form etwas, was in Verbindung mit der japanischen Sprache einen bestimmten Rhythmus bzw. eine Melodie, oder Duktus erzeugt oder kulturell an etwas erinnert, was wir in unserer deutschen Sprache ohnehin nicht oder, wenn wir es wüssten, vielleicht mit anderen sprachlichen Mitteln erzeugen könnten?
Für Ihre Beantwortung wäre ich Ihnen sehr dankbar
Volker Sieber
Sehr geehrter Herr Sieber,
Ihre Frage zu beantworten bedarf vermutlich eines ganzen Artikels, oder mehrerer, weil sie beim genauen Hinsehen viele weitere Geschwister zu bekommen scheint.
Im Japanischen scheint die Form der 5-7-5 Laute (oder 5-7) kulturell fest verankert zu sein, sodass sie auch für andere kurze Schriftstücke und Slogans verwendet wird. Im Englischen geht man laut einschlägiger Artikel davon aus, dass mit etwa 3-5-3 englischen Silben die gleiche Inhaltstiefe erzeugt werden kann, die 5-7-5 japanische Moren erlauben. Ein deutsches Haiku dürfte eine ähnlich lockere Schuhgröße haben.
Auch die Dreizeiligkeit ist nur eine Näherung, die man – wie so vieles am deutschen Haiku – hinterfragen kann; birgt sie ja zwei Umbrüche, wo im einzeiligen, vertikalen Haiku im Japanischen ein einziges Kireji vorgesehen ist.
Inwieweit das Haiku mit all seinen Eigenheiten in der deutschen Sprach- und Schreibkultur (mit all ihren Eigenheiten) Verbindungen oder Analogien finden kann, ist eine umfangreiche und vermutlich lohnenswerte Frage – selbst wenn sie nur teilweise oder in Fragmenten beantwortet werden kann.